Mittwoch, 26. Juni 2013

Ein Jahr voller Wunder - Karen Thompson Walker [Rezension]

Bildquelle
Verlag: btb Verlag
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
ISBN: 978-3442753635
Originaltitel: The age of miracles
Preis: 19,99 Euro
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Als die Erdrotation sich verlangsamt, gewinnen die Tage plötzlich an Stunden dazu. Langsam und schleichend gerät alles aus den Fugen. Magnetfelder werden gestört, die Schwerkraft nimmt zu und alles hat Auswirkungen auf die Umwelt. Vögel fallen vom Himmel, Wale stranden, Pflanzen sterben...

Die zwölfjährige Julia bekommt all dies mit. Die Menschen um sie herum reagieren auf diesen Effekt und das bringt Veränderungen mit sich. Plötzliche Spannungen in ihrer Familie, Angst, der sich verschlechternde Zustand ihrer Mutter, die Entscheidungen ihres Vaters, der Verlust ihrer Freunde. Doch Julia begegnen in dieser konfusen Zeit nicht nur negative Dinge. In einer sich schnell verändernden Welt kann man plötzlich dem gegenüberstehen, was man am dringendsten braucht und nachdem man sich schon lange gesehnt hat.




Es gibt diese ganz bestimmten Bücher, die vom ersten Augenblick an etwas Besonderes ausstrahlen. Liegt es am Cover oder am Titel oder am Gesamtbild oder an etwas völlig anderem? Ehrlich gesagt weiß ich darauf keine Antwort. Es geschieht einfach. Du siehst dieses EINE Buch und weißt genau, ihr passt zusammen, ihr werdet euch verstehen, ihr werdet euch mögen - "Ein Jahr voller Wunder" ist so ein Buch.

Ich will gleich vorwegsagen, dass dieses Werk in keinster Weise perfekt ist und mich auch nicht in allen Bereichen überzeugen konnte. Aber das schaffen auch nur die wenigsten Bücher - dennoch hat dieses Buch etwas "Mächtiges" an sich, das mir so gut gefallen hat, dass ich mich völlig in der Geschichte verlieren konnte.

Karen Thompson Walker hat meiner Meinung nach einen wunderbaren Stil, der mir es möglich gemacht hat, die Schönheit der Handlung erst gänzlich aufzusaugen. Der Schreibstil hat es mir erlaubt, gleich in die Geschichte abtauchen zu können. Es gibt Passagen im Buch, die sich einfach unheimlich gut anhören. Sätze, die länger im Gedächtnis hängen bleiben, weil sie so ausdrucksstark sind. Gefällt mir eine Geschichte wahnsinnig gut, dann kommt meine Lesegeschwindigkeit richtig in Fahrt und ich sause nur so durch das Buch. "Ein Jahr voller Wunder" hat mich gebremst! Hier wollte ich nicht "durchrasen", sondern die Schönheit der Geschichte, verpackt in tollen Sätzen, einfach intensiver genießen.


"Aber vermutlich ist das, wovor man Angst hat, nie das, was letztendlich eintritt. Die echten Katastrophen sind immer anders - ungeahnt, unvorhergesehen, unbekannt." S. 40

Erzählt wird die Geschichte in Rückblenden aus der Sicht von Julia. Julia ist gerade einmal zwölf. Vieles was in der Handlung passiert, ist für ein so junges Mädchen natürlich beängstigend. Aber unsere Protagonistin steckt das Meiste außergewöhnlich gut weg. Ihre beste Freundin wendet sich von ihr ab und Julia steht plötzlich alleine da. Ihr Vater hat ein Geheimnis, dem sie auf die Schliche kommt. Ihrer Mutter geht es zusehends schlechter. Die negativen Informationen aus den Nachrichten sorgen für weiteres Unwohlsein. Für mich war es anfangs ziemlich befremdlich, Julia als Zwölfjährige zu sehen, weil sich in meinen Augen ein so junges Mädchen SO nicht verhalten würde. Mit der Zeit habe ich versucht ihr Alter auszublenden, um dieses Hindernis zu überwinden. Dennoch gibt es auch viele Augenblicke, in denen sich die Handlung ihrem Alter anpasst. Die "Beziehung" zu Seth war eindeutig ein Highlight in diesem Buch. Geschwärmt hat Julia schon immer von ihm, aber Seth hat nie groß Interesse gezeigt. Er ist ein ruhiger Typ und sehr in sich gekehrt. Als Julia irgendwann ganz allein dasteht und niemanden mehr hat, dem sie sich anvertrauen kann, wird er ihr Anker. Ein Trost in der trostlosen Zeit. Eine Konstante in einer Welt, die sich mehr und mehr verändert.

Ebenfalls sehr gut gefallen hat mir der Fortschritt der Katastrophe. Die Autorin lässt nicht direkt Weltuntergangsstimmung aufkommen. Stück für Stück bringt sie den Schrecken in die Geschichte. Am ersten Tag sind es nur ein paar Minuten, die der Tag dazu gewinnt. Kaum auffällig, aber mit weiterschreitenden Tagen wird zunehmend deutlich, wie die Welt der Menschen auf den Kopf gestellt wird. Dabei werden Themen aufgeworfen, die glaubwürdig und real wirken. Hamsterkäufe, die Selbstmordrate steigt, Veränderungen in der Umwelt - Religionen, die durch den veränderten Rhythmus durcheinandergebracht werden. Dadurch entstehen Gruppierungen. Die einen, die versuchen sich der Situation anzupassen, um mit dem neuen Rhythmus klarzukommen und jene, die an alten Gewohnheiten festhalten. Dadurch entstehen Konflikte, die im Verlauf immer weiter ausschreiten.

Durch Spannung, in Form von actiongeladenen Handlungen, besticht "Ein Jahr voller Wunder" nicht. Julias Erzählungen sind darauf bezogen eher sachlich gehalten. Dennoch spürt man eine gewisse unruhige, beängstigende Atmosphäre beim Lesen, die dafür sorgt, dass Langeweile keine Chance hat.

Unweigerlich fragt man sich dann aber doch, warum gerade dieser Titel für diesen Roman ausgesucht wurde. Das ist wiederum Sache der Interpretation. Manche werden wahrscheinlich vergebens "Wunder" gesucht haben, für mich waren sie jedoch da, wenn auch auf den ersten Blick vielleicht nicht sichtbar. Julia erlebt neben den schrecklichen Dingen, auch einiges, das ihr wahrscheinlich in der "normalen" Zeit überhaupt nicht widerfahren wäre. Ganz deutlich habe ich dies in einigen Entwicklungen gesehen. 

Das Ende hat mir ein wenig die Sicht verschwimmen lassen, weil sich in einigen Richtungen alles emotional sehr zuspitzt. Ich liebe so etwas ja sehr! Das Buch endet sehr offen, aber nicht weil ich glaube, dass eine mögliche Fortsetzung geplant ist, sondern weil sich an der gegenwärtigen Situation (noch) nichts geändert hat und ein "Wunder" in der Form auch höchstwahrscheinlich nicht eintreffen wird.




"Ein Jahr voller Wunder" ist ein wunderbares Buch, dass die Sicht auf eine veränderte Welt, in "ruhiger" Atmosphäre wiedergibt. Durch die persönliche Schilderung von Julia wird uns ein einzelnes Schicksal vor Augen geführt. Die Erzählungen sind stilistisch wunderbar verpackt und stellenweise sehr emotional und ergreifend. Zudem wirken die Auswirkungen alle sehr glaubwürdig und real. Sieht man einmal über das Alter der Protagonistin hinweg, kann sich der Roman vollends entfalten und sorgt für sehr schöne Lesestunden!


8/10 
Punkten

Kommentare:

  1. Freut mich, dass es dir auch so gut gefallen hat :)!!!
    Ich fand es noch einen Zacken besser, aber 8/10 sind ja schonmal nicht schlecht ^^..

    Der Schreibstil war einfach wunderbar *_*.

    Liebe Grüße, Clärchen

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  2. Hallo Clärchen! Der Schreibstil ist einfach wunderbar!! <3 Es hatte kleine Macken, aber trotzdem ein tolles Buch! :)
    LG Jan

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  3. Ach das klingt schön. Ich hatte mich damals für ein Leseexemplar beworben, aber leider wurde ich nicht ausgewählt. Vielleicht werde ich es mir doch einmal kaufen :D
    Tolle Rezension. :)

    Liebst, Lotta
    Von www.lottasbuecher.blogspot.de

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  4. Danke, Lotta! :-)
    Wird dir mit Sicherheit gefallen!
    LG Jan

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  5. sehr, sehr schöne Rezi <3

    Klingt echt nach einem guten Buch, auch wenn die Protagonistin ja schon noch extrem jung ist.

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  6. Wie immer eine so wunderbare Rezension, dass man das Buch gleich in die Hand nehmen und es einfach nur lesen will.

    Danke für diese tolle Rezension.

    Liebe Grüße
    Vanessa

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  7. @Ally: Danke, Ally! <3 Ja, das hat mich am Anfang auch ziemlich gestört, aber hinterher einfach ignoriert! :D
    @Vanessa: Ahhh, du bist soooo lieb!!! Schön, wenn ich dich ein wenig für das Buch begeistern konnte! :)

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  8. Auch wenn das eine wunder wunderschön geschriebene Rezi von dir ist, werde ich das Buch wohl nicht lesen. Es fehlt dieser gewisse Shanty-Flair :D Aber schön, dass es dir so gefallen hat <3

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  9. Eine sehr schöne Rezension! <3

    Diese Art von Geschichten liebe ich ja in Filmen. Bücher kenne ich bisher wenige, daher klingt das ja wirklich sehr interessant. Dieses Gefühl, dass die Welt aus den Fugen gerät, mochte ich auch, z.B. in "Der Schwarm" total. Weiß nicht, ob du es kennst. :D

    Schon blöd, dass deine Rezi schon wieder so überzeugend klingt. :( xD Manno...

    LG Becca

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  10. Ich glaube aber, es würde dir sehr gefallen, Shan! :) <3
    Becca!! Klar kenne ich "Der Schwarm". Ist eins meiner Lieblingsbücher <3

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  11. Uff. Das Buch klingt wirklich toll.
    Würde es nicht schon auf meinem Wunschzettel stehen, würde es jetzt darauf landen.

    Tolle Rezension, Jan!

    LG Julchen :)

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lauft mir nach ...