Dienstag, 18. Februar 2014

Es wird keine Helden geben - Anna Seidl [Rezension]

Bildquelle
Verlag: Oetinger
Gebundene Ausgabe: 251 Seiten
ISBN: 978-3789147463
Preis: 14,95 Euro
Direkt kaufen: Amazon, Verlag




Ein ganz normaler Tag in der Schule - bis der erste Schuss fällt! Panik bricht aus, Menschen schreien, laufen um ihr Leben. Miriam und ihre Freundin Joanne verstecken sich auf einer Toilette und hoffen, dass der Täter sie nicht findet. Sie haben Glück und der Schütze, ein Schüler aus der Parallelklasse, wird von der Polizei gestoppt, bevor er Miriam richtig ins Visier nehmen kann. Doch ihr Freund Tobi hatte weniger Glück und stirbt kurz darauf an seinen Verletzungen. Von einem Tag auf den anderen hat sich Miriams Leben total verändert. Wie soll sie durchhalten, wenn ihre große Liebe nicht mehr da ist? Wie soll sie die Albträume überwinden, die sie immer wieder heimsuchen?


Amoklauf als Thema einer Geschichte klang für mich direkt interessant. Ich war gespannt darauf, was die Autorin aus dem Stoff geschaffen hat.

Zu Beginn haben wir die grausige Tat direkt vor Augen und ich hätte mir einen besseren Start nicht wünschen können. Es war spannend, intensiv und total erschreckend. Es war, als würde ich die ganze Situation hautnah miterleben und habe den Schrecken bis ins Innere meiner Knochen gespürt. Atemlos bin ich durch die Seiten gejagt, bis der erste Schock überwunden ist und ich endlich wieder durchatmen konnte. Anna Seidl schreibt dabei sehr schön ohne großes Brimborium, lässt die Charaktere entsprechend ihrem Alter reden und gibt der Geschichte eine authentische Wirkung.

Die Handlung konnte mich stellenweise echt mitnehmen und emotional berühren, auch wenn mich Miriam manchmal etwas genervt hat. Gelegentlich bewegt sie sich einfach nicht von der Stelle und hält zu sehr an Dingen fest. Natürlich ist die gesamte Situation total extrem und ich weiß beim besten Willen nicht, wie sich ein Mensch, der so eine schreckliche Tat miterlebt hat, im Endeffekt tatsächlich verhält. Erleben möchte ich das ganz bestimmt nicht, aber die Handlung sollte doch trotzdem Abwechslung bieten und mir war die Protagonistin manchmal zu festgefahren. Dafür erlebt man zum Ende hin eine sehr schöne Entwicklung von Miriam und das halte ich dem Buch sehr zugute. Zwischenzeitlich hatte ich echt die Befürchtung, Miriam bleibt in ihrem Loch stecken, in dem sie alle Stimmungen gezeigt hat. Mal war sie ablehnend, dann wütend, aggressiv, verschlossen, die ganze Palette von negativen Stimmungen eben. Ab einem einen Punkt in der Geschichte wendet sich aber langsam das Blatt und dieses Fortschreiten mochte ich sehr gerne. Die Hoffnungslosigkeit bestimmt nicht mehr ihren Alttag und die Zukunft sieht nicht mehr ganz so düster aus.

Anna Seidl lässt ihre Protagonistin so ziemlich alleine kämpfen. Das bedeutet nicht, dass sie von jedem und allem in Ruhe gelassen wird - irgendwann geht sie zum Psychologen und hat auch die Möglichkeit auf eine Selbsthilfegruppe. Ich meine damit eher Miriams Familie und Freunde. Ich habe ein bisschen die Entschlossenheit in ihrer Familie vermisst, ihr unbedingt helfen zu wollen. Es gibt schöne Momente zwischen Miriam und ihrem Opa, die mir sehr gefallen haben - aber es gab auch Augenblicke, in denen ich mich doch gewundert habe, dass nicht mit mehr Elan und Kraft versucht wurde, zu Miriam vorzudringen. Auch von Seiten der Freunde her habe ich ein wenig den Zusammenhalt vermisst, bzw. eigentlich sogar erwartet. Alle haben in der gleichen Situation gesteckt und so etwas verbindet. Jeder weiß, wie der andere fühlt, weiß, was er durchgemacht hat. Besonders die Freundschaft zwischen Miriam und Joanne hat sich drastisch verändert und gibt der ganzen schrecklichen Tat noch einen grausigen Nachgeschmack, der sich erst viel später entfaltet. 

Am Ende angekommen, war ich ziemlich zufrieden. Anna Seidl hat im Gesamtbild einen guten Roman geschrieben, der mich von der emotionalen Ebene doch sehr packen konnte. Ich mochte ebenfalls sehr den Blick, den Miriam auf den Täter hat. Sie macht sich wirklich Gedanken und versucht ihn zu verstehen, was wie ich glaube, auch gelingt. Selbstschuld spielt dabei eine große Rolle. Natürlich rechtfertigt NICHTS so eine Tat, trotzdem mag ich Miriams Sichtweise.


Alles in allem konnte mich "Es wird keine Helden geben" gefühlsmäßig packen. Ich habe mit Miriam mitfühlen können, auch wenn sie gelegentlich ziemlich nervig war, habe dafür ihre Entwicklung zum Ende hin sehr genossen. Der Schrecken, den die Tat hervorgerufen hat, war immer gegenwärtig und hat mich zu Beginn absolut mitgerissen. Einige Punkte waren etwas unausgereift und haben sich nicht richtig angefühlt, wie beispielsweise den schwachen Drang in der Familie, ihrem Kind mit allen Mitteln helfen zu wollen.

Ich vergebe

7/10
Punkten


Kommentare:

  1. Mich konnte das Buch leider nicht so überzeugen.
    Genervt war ich auch teilweise von Miriam und ich habe es ganz schrecklich empfunden, dass der Zusammenhalt der Freundinnen so auseinander ging.

    Liebe Grüße
    Vanessa

    AntwortenLöschen
  2. Ich weiß, was du meinst, Vanessa. Irgendwie versucht man sich vorzustellen, was man machen würden, wenn man in der gleichen Situation wäre. Klar würde ich jetzt behaupte, ich würde das und das machen und mich in keinster Weise verschließen - aber würde ich das wirklich? Ich finde das ist einfach so eine extreme Situation, wo man einfach nicht weiß, was im Endeffekt wirklich mit einem passiert. Daher kann ich die Handlungen im Buch einerseits nachvollziehen, aber andererseits ist das in meinen "amokverschonten" Augen auch komisch zu sehen! :D

    AntwortenLöschen
  3. Gerade das mit der Familie hat mich auch gestört. Die waren ja eigentlich alle für sie da und meistens verständnisvoll und fürsorglich. Und dann schließt sie sich in ihrem Zimmer ein, isst nicht, trinkt erst nach Ewigkeiten und keiner macht was? Das konnte ich nicht nachvollziehen und auch nicht, dass Miriam das irgendwie geholfen haben sollte. Das war ja schon grob fahrlässig und ich denke, in der Realität sollte man dann doch nicht warten, bis eine 15-jährige von allein zur Therapie geht, wenn sie so drauf ist.

    Andere Sachen, die mich genervt haben, wie Miriams sehr schwieriges Verhalten, habe ich dagegen verstanden. Ich glaube, wer traumatisiert ist, kann sich schon einmal ich-bezogen und unfair verhalten. Da sind eben andere Dinge im Kopf...

    AntwortenLöschen
  4. Sehr schöne Rezi <3 <3

    Das Buch klingt auch wirklich interessant, auch wenn ich es nicht unbedingt lesen möchte, aber dank dir habe ich ja jetzt einen sehr guten Einblick bekommen :)

    AntwortenLöschen
  5. Schön, dass dir das Buch trotz der heiklen Thematik gut gefallen hat :) Auf meiner Wunschliste wird es dennoch nicht zu finden sein, man kann halt nicht alles lesen ;)
    Gut gewählte Worte, hat mir sehr gefallen, Monsieur Fre-wèrt <333

    AntwortenLöschen

lauft mir nach ...